Ökologie der Gänse

Um das Verhalten der Gänse zu verstehen und ihre Brut- und Rastgebiete schützen zu können, sind fundierte Kenntnisse der Ökologie dieser vielseitigen Tiere erforderlich. Die Verbreitung der unterschiedlichen Gänsearten finden Sie unter Gänsearten.

 

Jahreszyklus

Wenn in Mitteleuropa noch Hochsommer herrscht, beginnt in der arktischen Tundra schon der Herbst und Winter: Mitte August verlassen die arktischen Wildgänse die Tundra und beginnen mit ihrer langen Reise nach Mitteleuropa. Die Route führt entlang der Nordmeerküste über das Baltikum nach Polen und Ostdeutschland. Mitte September erscheinen die ersten Gänse in Brandenburg und schon in den letzten Septembertagen kommt es dort zum Masseneinflug, bei dem mehrere hunderttausend Gänse ankommen . Am Niederrhein erscheinen in diesen Tagen die ersten kleinen Trupps, die allerdings nur einige hundert Vögel umfassen. Im Laufe des Oktobers nehmen die Gänsebestände am Niederrhein schrittweise zu und Anfang November fliegen die meisten Gänse von Ostdeutschland nach Westen, um am Niederrhein, den Niederlanden und Belgien zu überwintern. Je nach Witterung, Nahrungsangebot und Störungen pendelt ein Teil der Gänse im Laufe eines Winters mehrfach zwischen den einzelnen Überwinterungsgebieten in Westeuropa hin und her. Individuell markierte Gänse geben uns darüber genaue Auskunft.

Tagesrhythmus

Nachts schlafen Wildgänse auf dem Wasser, um sicher vor Füchsen und anderen Bodenfeinden zu sein. Dazu suchen sie Schlafplätze auf; das sind dafür von ihrer Größe und Lage besonders geeignete Gewässer, die meist schon seit Jahrzehnten als Schlafplatz genutzt werden. Morgens in der Dämmerung, meist eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang fliegen die Gänse dann zu ihren Äsungsplätzen, die in einem Radius von bis zu 15 Kilometer um den Schlafplatz liegen. Dort verbringen sie den Tag, wobei sie, besonders bei Dauerfrost, auch tagsüber mehrfach zum offenen Wasser fliegen, um zu trinken. Abends, rund eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang, fliegen die Gänse dann wieder in eindrucksvollen Formationen zu ihren Schlafplätzen.

Im Gebiet de Gelderse Poort liegen die Schlafplätze der Gänse im Bereich De Bijland nördlich des Rheins und der Ortschaft Keeken. Bis zu 100.000 Gänse wurde dort schon zur Übernachtung angetroffen. Ein anderer Schlafplatz ist der Kaliwaal bei Kekerdom, wo man den Schlafplatzflug auch sehr schön vom Deich aus beobachten kann, ohne die Wildgänse zu stören. In mondhellen Nächten bleiben die Gänse aber auch manchmal in den Wiesen - besonders wenn diese nach Niederschlägen oder Hochwasser leicht überflutet sind und auch so genügend Schutz bieten.
Insgesamt sind die Gänse als Pflanzenfresser darauf angewiesen, viel Nahrung zu sich zu nehmen. Dazu benötigen sie an den kurzen Wintertagen die ganze helle Tageszeit.

Ernährung

Wildgänse sind Pflanzenfresser und ernähren sich bei uns überwiegend von Gras. Zu bestimmten Jahreszeiten, z. B. nach der Ernte von Mais und Zuckerrüben im Oktober und November, werden auch sehr gerne die abgeernteten Felder aufgesucht, um sich von den nahrhaften Ernteresten zu ernähren.

Nur während der Kükenphase nehmen Gänse auch tierische Nahrung zu sich. Vor allen in den nordischen Gebieten schnappen die Gössel nach Insekten (v.a. Mücken). Die proteinreiche Kost lässt die Küken schnell wachsen. Gänse haben einen hohen Nahrungsbedarf, da ihre Nahrung nicht sehr energiehaltig ist. Da Gänse nur etwa 25% der Nahrung, die sie zu sich nehmen, verwerten können, müssen sie sehr viel fressen. Der überwiegende Teil der in der Rohfaser vorhandenen Energie wird mit dem Kot wieder ausgeschieden.

 

Während ihres Aufenthaltes bei uns nehmen die Gänse ca. 1/3 ihres Ausgangsgewichts zu, damit sie genug Energiereserven für den bis zu 6000 km langen Rückflug nach Sibirien zu haben. Die Gänse verbrauchen auf den strapaziösen Etappen von 800-1000 km jedoch so viel Energie, dass sie bei ihren Zwischenstopps (die bis zu 14 Tagen dauern können) ihre Fettreserven wieder nachfüllen müssen. So kommt den Zwischenrastplätzen auch eine enorme Bedeutung zu, denn Nonstop würden sie es vom Niederrhein nicht bis in ihre Brutgebiete schaffen.

Sozialverhalten

Gänse sind sehr soziale Tiere und leben monogam. Dadurch entfällt für sie die immer wieder kehrende aufwendige Partnersuche, die gerade in den kurzen Sommermonaten Sibiriens sehr viel Zeit spart. Stirbt ein Partner, so wird allerdings nach einer gewissen Zeit (Trauerzeit) ein neuer gesucht. Wildgänse leben in verschiedenen Gemeinschaften zusammen: Brutpaar und Familie sind zumindest bis zur Trennung zwischen Jungen und Eltern dauerhafte und damit geschlossene Verbände. Einen großen Teil des Jahres leben Gänse in Familienverbänden. Eltern und Junge erkennen sich an der Stimme.
Es kommt aber auch zur Adoption. Das hat für die Familie den Vorteil, dass eine größere Familie einen höheren Status in einem Gänsetrupp hat und dadurch die besten Weideplätze beäsen kann. Außerdem ist die Chance, dass der eigene Nachwuchs aufgefressen wird, geringer. Der Single hat den schlechtesten Status, dann kommt das jungenlose Paar und dann die Familie und hier gilt: je mehr Junge desto besser.

 

Der erste soziale Kontakt erfolgt gleich nach dem Schlüpfen. Hier werden die kleinen Gössel (die Jungen der Gans ) auf das geprägt, was sie „begrüßt“ – in der Regel natürlich auf die Eltern. Es kann aber auch mal ein Verhaltensforscher sein, wie der berühmte Konrad Lorenz. Dieser Bezugsperson folgen die jungen Gänse auf Schritt und Tritt und lassen sie nicht aus dem Auge. Dadurch kommt es auch zum berühmten Gänsemarsch. Sinn ist, dass die Gänse so auch in die Winterquartiere geführt werden, die sie alleine nicht finden würden. Sie haben nur die grobe Richtung „gespeichert“ und erlernen das konkrete Ziel (z.B. Niederrhein) von ihren Eltern. Dadurch entsteht durch fortwährende Weitergabe an die Kinder eine Tradition, die die Gänse immer wieder ins gleiche Winterquartier führt. Hierin unterscheiden sich die Gänse entscheidend von unseren Singvögeln, die das komplette Zugprogramm in ihren Genen gespeichert haben.
In den Schlaf- und Äsungsgemeinschaften hingegen, sind die Gänse weitgehend anonym. Solche offenen Verbände zeichnen sich dadurch aus, dass die Mitglieder ihre Verbindung beliebig lösen können. Vom Trupp spricht man, wenn sich wenige Tiere zu gemeinsamer Wanderung oder Äsung zusammen finden. Oft vereinigen sich Gänse zu Scharen, die Tausende bis Zehntausende zählen.

Info

Wildgänse sind faszinierende Tiere. Als Langstreckenzieher legen sie jedes Jahr vielen tausend Kilometer zwischen ihren Brut- und Überwinterungsgebieten zurück. Die Zugroute erlernen die Jungvögel von ihren Eltern. Überhaupt sind Gänse sehr soziale Tiere - am Niederrhein finden sich die Bläss- und Saatgänse häufig zu großen Äsungsgemeinschaften zusammen, die mehrere tausend Tiere umfassen können.

Wildgänse

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