Konzept zur Farbberingung von Bläßgänsen in Deutschland

Universität Osnabrück
Fachbereich Biologie/Chemie
Forschungsgruppe Gänseökologie
Prof. Dr. H.-H. Bergmann
Barbarastraße 9
49069 Osnabrück
in Zusammenarbeit mit

Zentrale für Wasservogelforschung und Feuchtgebietsschutz in Deutschland
vertreten durch die Biologische Station im Kreis Wesel e. V.
Diersfordter Straße 9
46483 Wesel
und

Naturschutzbund Deutschland (NABU)
NABU-Naturschutzstation e. V.
Bahnhofstraße 15
47559 Kranenburg

Oktober 1998

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Stand des Wissens

3. Ziele des Beringungsprojektes

4. Durchführung
4.1. Organisation
4.2. Zeitplan
4.3. Beringungs- und Untersuchungsgebiete
4.4 Halsringe und deren Farbe

5. Inhalt des Antrages

6. Literatur

1. Einleitung
Die verschiedenen Möglichkeiten individueller Markierung und Beringung haben große Fortschritte in der ornithologischen Forschung bewirkt. Da Wildgänse als relativ große Vögel im Hinblick auf Größe und Gewicht von Ringen und Manschetten recht unempfindlich sind, wurden sie schon früh in Untersuchungsprogramme einbezogen. Die Möglichkeiten sind jedoch bei weitem noch nicht ausgeschöpft und erfahren zur Zeit durch den Einsatz der Radio- und Satelliten-Telemetrie eine weitere Ergänzung (Berthold & Nowak 1990, Giroux & Patterson 1995).
Die Zahlen der in Mitteleuropa rastenden und überwinternden Wildgänse haben in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen. Damit einher ging eine Verschärfung der Konflikte mit anthropogenen Nutzungen, insbesondere der Landwirtschaft. Um dem Schutzbedürfnis der Wildgänse einerseits und der Reduzierung und Vermeidung von Nutzungskonflikten andererseits Rechnung zu tragen, ist eine Intensivierung der Erforschung der Ökologie der Wildgänse notwendig.
Das in dem vorliegenden Konzept beschriebene Untersuchungsprogramm soll einen Beitrag zur Erforschung der bisher am wenigsten untersuchten Gänseart - der Bläßgans - leisten. Da die Bläßgans die in Mitteleuropa mit Abstand häufigste Art ist, hat die Erforschung dieser Art besondere Relevanz.

2. Stand des Wissens
In den siebziger Jahren wurde damit begonnen, arktische Wildgänse - insbesondere Ringelgänse - zur Erforschung ihrer Zugwege mit farbigen Fußringen individuell zu markieren. Über einen Zeitraum von rund 25 Jahren wurden dadurch wesentliche Erkenntnisse zur Ökologie dieser Art gewonnen, die die Grundlage vieler Schutzmaßnahmen bilden (Prokosch 1981, Bergmann et al. 1994). Schon relativ bald wurden andere Gänsearten ebenfalls durch Farbberingungsprogrammen intensiv untersucht. Je nach Gänseart kamen dabei Fußringe bzw. Halsringe zum Einsatz. In Nordamerika laufen zur Zeit umfangreiche Farbberingungsprogramme an Schneegänsen, Kanadagänsen und Bläßgänsen (Ankney 1975, Cooke et al. 1995, Craven et al. 1983, Ely 1990, 1993).
Der heutige Kenntnisstand bei in Europa vorkommenden Ringelgänsen, Weißwangengänsen, Graugänsen und neuerdings auch Kurzschnabelgänsen kann als gut bezeichnet werden (Fox et al. 1994, Madsen 1995, Nilsson et al. 1993, Nilsson & Persson 1991, 1994). Dagegen gibt es bei den in Mitteleuropa häufigsten Gänsearten, den Saat- und Bläßgänsen, noch große Wissenslücken. Die Ergebnisse eines Beringungsprogrammes von Saatgänsen in Brandenburg wurden noch nicht vollständig publiziert (Litzbarski 1979, Rutschke 1997). Immerhin konnten die von den ostdeutschen Rastgebieten ausgehenden Zugbewegungen grob nachvollzogen werden. Zur Beurteilung von Traditionsbildungen, Veränderungen der Phänologie und des Rast- und Überwinterungsverhaltens unter sich verändernden Rahmenbedingungen auf dem gesamten Flyway reichen die Daten nicht aus.
Fast völlig unbearbeitet ist bisher die Bläßgans. In den Niederlanden wurden seit dem zweiten Weltkrieg über 17.000 Bläßgänse gefangen und mit Aluminium-Fußringen versehen (Doude van Troostwijk 1974). Zwischen 1989 und 1995 wurde ein kleines Beringungsprogramm auf der sibirischen Halbinsel Taimyr durchgeführt, das jedoch aufgrund der geringen Zahl von ca. 850 beringten Exemplaren für die u. g. Fragestellungen nicht ausreichend war. Mittels dieses Beringungsprogrammes konnte MOOIJ (1996) die regelmäßige Nutzung des westeuropäischen Überwinterungsraumes durch Bläßgänse der Taimyr-Halbinsel nachweisen.
Die Phänologie der Bläßgänse (z. T. auch der Saatgänse) hat in den letzten Jahren auffällige Veränderungen erfahren, deren Ursachen zur Zeit noch unklar sind. Insbesondere können wir nicht beurteilen, wie sich lokaler Jagddruck und Ablenkfütterung auf den Verbleib von Gänsebeständen in mittlerer Frist und auf größere Distanz auswirken.

3. Ziele des Beringungsprojektes
In einem auf fünf (maximal zehn) Jahre angelegten Projekt zur Farbmarkierung von Bläßgänsen in Deutschland sollen folgende Fragestellungen untersucht werden:

Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, daß sich das Zug-, Rast- und Überwinterungsverhalten sehr dynamisch und schnell verändert. Nahezu alle Fragestellungen und Untersuchungen, die der Ausarbeitung einer fundierten Schutzstrategie zum Ziel haben, sind dringend auf die Beantwortung der o. a. Fragen angewiesen. Darüberhinaus kommt der Entwicklung naturschutzgerechter Regelungen in den Schutzgebieten im dichtbesiedelten Mitteleuropa eine zentrale Bedeutung zu. Nur wenn es gelingt, das Wechselspiel zwischen anthropogenen Nutzungen und den Bedürfnissen sowie der Anpassungsfähigkeit der Wildgänse zu erforschen, können tragfähige Regelungen vorgeschlagen und ggfs. durchgesetzt werden.
Die ermittelten biometrischen Daten werden auf Wunsch an die Vogelwarten Helgoland und Hiddensee (ggfs. auch andere) übermittelt. Sie sollen mit international üblichen Standards erhoben werden, um eine Vergleichbarkeit herzustellen.

4. Durchführung
Das Projekt soll in Kooperation der Universität Osnabrück, Fachbereich Biologie/Chemie Arbeitsgruppe Gänseökologie, mit der Zentrale für Wasservogelforschung Deutschland (ZWFD) und dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) durch seine Einrichtung NABU-Naturschutzstation e. V. in Kranenburg erfolgen. Damit können unter den verschiedenen Gesichtspunkten optimale Rahmenbedingungen geschaffen werden:

4.1. Organisation
Die zentrale Koordination des Projektes liegt bei der Universität Osnabrück, Fachbereich Biologie/Chemie, Arbeitsgruppe Gänseökologie. Dort erfolgt die Sammlung aller Beringungs- und Ablesedaten sowie die fachliche Abstimmung der einzelnen Teiluntersuchungen. Die Mitarbeiter der Universität Osnabrück gewährleisten auch die Betreuung der ehrenamtlichen Ableser und die Rückmeldung der Sichtungen. Diese Rückmeldung wird einmal pro Jahr vorgenommen. Desweiteren erfolgt die Auswertung der Daten und Untersuchungen sowie eine kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit.
Die anderen beteiligten Stellen sorgen durch ihre Einrichtungen in den Untersuchungsgebieten für die Durchführung der verschiedenen Arbeiten vor Ort:
- Organisation und Durchführung von Beringungsaktionen
- Betreuung von einzelnen Forschungsprojekten

4.2. Zeit- und Arbeitsplan
Das Projekt soll am 1.10.1998 beginnen und ist auf fünf (maximal zehn) Jahre angelegt.
Im Rahmen von Förderanträgen bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft und anderen Drittmittelgebern sollen zusätzliche Kapazitäten für diesen Zeitraum geschaffen werden. Damit wird angestrebt, das Projekt in einer zweiten Phase durch Radio- und ggfs. Satellitentelemetrieuntersuchungen zu ergänzen.
In einem ersten Schritt sollen im Rahmen einer Schwerpunktaktion im gesamten Oktober/November an den Herbstrastplätzen (möglichst Schlafplätze wie am Gülper See) Beringungsaktionen durchgeführt werden.
In einem zweiten Schritt sollen an den Winterrastplätzen (Dollart, Niederrhein) weitere Beringungsaktionen durchgeführt werden, wobei der Umfang vom Erfolg der Herbstberingungen und der aktuellen Wiederbeobachtungsquote abhängt.
In den Folgejahren wird der Schwund von Ringen, der durch natürliche Mortalität und Jagd stattfindet, durch weitere Beringungen ausgeglichen. Dabei wird angestrebt, 1 % der Population unter Beringung zu halten.

4.3. Untersuchungs- und Beringungsgebiete
Zur Zeit werden von der Universität Osnabrück mehrere Forschungsprojekte an Wildgänsen in den verschieden wichtigen Rast- und Überwinterungsgebieten in Deutschland durchgeführt: Mittlere Elbe, Dollart und Niederrhein. Des weiteren besteht im Rahmen der Arbeitsgruppe Gänseökologie in der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft (DO-G) enger Kontakt zu anderen Gänseforschern, z. B. auf Rügen, in Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Die Zentrale für Wasservogelforschung und Feuchtgebietsschutz in Deutschland (ZWFD) koordiniert bundesweit die monatlichen Gänsezählungen, die sich in das internationale Erfassungsprogramm von Wetland International (WI) eingliedern.
Im Rahmen der drei laufenden Projekte sollen kontinuierlich Bläßgänse auf Äsungsplätzen bzw. am Schlafplatz gefangen und markiert werden.

4.4. Halsringe und deren Farbe
Aufgrund der außerordentlich hohen Zahl von Ablesungen eignen sich Halsringe in besonderer Art und Weise zur individuellen Markierung von grauen Gänse. Die bei Meeresgänsen in der Regel verwendeten Fußringe kommen aufgrund der von grauen Gänse aufgesuchten Rastbiotope nicht in Frage: Wiesen und Weiden im Binnenland haben in der Regel eine Aufwuchshöhe, die ein Ablesen von Fußringen nur unter ganz günstigen Bedingungen ermöglichen. Die Zahl der beringten Vögel müßte, um eine gleichhohe Zahl von Ablesungen zu erhalten, um ein Mehrfaches erhöht werden. Herr Anthony Fox stellte auf einer Tagung der Goose Specialist Group des Wetland International im Dezember 1996 in Martin Mere (UK) eine Untersuchung mit dem Titel "Neck Collar loss in Greater White Fronted Geese" vor. Danach werden, um eine gleiche Datenmenge von Rückmeldungen zu erhalten, ca. dreimal so viele mit Fußringen beringte Vögel benötigt, als wenn man Halsmanschetten verwendet. Allerdings ist die Lebensdeuer der Halsmanschetten kurz zu veranschlagen.
Die Farbe der Halsringe sollte schwarz mit weißer Aufschrift sein. Bunte Ringe werden nach Berichten mehrerer Forscher in Sibirien bevorzugt erlegt, da die Ringe als Trophäe dienen.

5. Inhalt des Antrages
Mit diesem Konzept beantragen wir eine Genehmigung des skizzierten Forschungsprojektes.
In Absprache mit dem Gänse- und Beringungskoordinator von Wetland Internationall (WI) Herrn Dr. Jesper Madsen (Kal Æ), und dem Deutschlandkoordinator von Wetland International, Herrn Dr. Johan Mooij (Wesel), sollen schwarze PVC-Halsmanschetten mit weißer Aufschrift verwendet werden (vergl. beiliegendes Bestätigungsschreiben). Dabei soll ein Buchstabe aufrechtstehend und die beiden folgenden Zeichen um 90° dazu gedreht graviert werden (vgl. skandinavische Halsmanschetten). Durch die schwarze Farbe und das spezielle Layout sollen Verwechslungen mit anderen Beringungsprojekten weitgehend vermieden werden.

6. Literatur
- Ankney, C. D. (1975): Neckbands contribute to starvation in female Lesser Snow Geese. J. Wildl. Manage. 39: 825-826.
- Bergmann, H.-H., Stock, M. & B. ten Thoren (1994): Ringelgänse: arktische Gäste an unseren Küsten. Aula-Verlag, Wiesbaden.
- Berthold, P. & E. Nowak (1990): Anwendung der Satelliten-Telemetrie zur Erforschung des Vogelzuges. Proc. Int. 100. DO-G Meeting, Current Topics Avian Biol., Bonn 1988: 181-186.
- Bergh, L. M. J. van den (1984): Verplaatsingen van Rietganzen Anser fabalis tussen West- en Middeneuropese overwinterungsgebieden. Limosa 57: 116-118.
- Craven, S. R. & D. H. Rusch (1983): Winter distribution and affinities of Canada Geese marked in Hudson and James Bays. J. Wildl. Manage. 47: 307-319.
- Cooke, F., R. F. Rockwell, & D. B. Lank (1995): The snow geese of La Perouse Bay: natural selection in the wild. Oxford University Press, Oxford.
- Doude van Troostwijk, W. J. (1974): Ringing data on White-fronted Geese Anser a. albifrons in the Netherlands, 1953-1968. Ardea 62: 98-110.
- Ely, C. R. (1990): Effects of neck bands on the behavior of wintering Greater White-fronted Geese. J. Field Ornithol. 61: 249-253.
- Ely, C. R. (1993): Family stability in Greater White-fronted Geese. The Auk 110: 425-435.
- Fox, A. D., Mitchell, C., Stewart, A., Fletcher, J. D., Turner, J. V. N., Boyd, H., Shimmings, P., Samon, D. G., Haines, W. G. & C. Tomlinson (1994): Winter movements and site-fidelity of Pink-footed Geese Anser brachyrhynchus ringed in Britain, with particular emphasis on those marked in Lancashire. Bird study 41: 221-234.
- Giroux, J. F. & I. J. Patterson (1995): Daily movements and habitat use by radio-tagged Pink-footed Geese Anser brachyrhynchus wintering in northeast Scotland. Wildfowl 46: 31-44.
- Giroux, J. F. (1991): Roost fidelity of Pink-footed Geese Anser brachyrhynchus in northeast Scotland. Bird study 38: 112-117.
- Giroux, J. F., Bell, D. V., Percival, S. M. & R. W. Summers (1990): Tail-mounted radio transmitters for waterfowl. J. Field Ornithol. 61: 303-309.
- Lensink, C. J. (1968): Neckbands as an inhibitor of reproduction in Black Brant. J. Wildl. Manage. 32: 418-420.
- Litzbarski, H. (1979): Erste Ergebnisse der Beringung und farbigen Kennzeichnung von Saatgänsen ( Anser fabalis ) in der Deutschen Demokratischen Republik. Betr. Vogelkd. 25: 101-123.
- Madsen, J. (1995): Impacts of disturbance on migratory waterfowl. Ibis 137 Suppl.: 67-74.
- Mooij, J. H. (1996): Panmixia in White-fronted Geese (Anser a. albifrons) of the Western Palearctic. In: MOOIJ (1996): Ecology of geese wintering at the Lower Rhine area (Germany). Promotion an der Universtität Wageningen: 109-130.
- Nilsson, L. & H. Persson (1991): An increasing breeding population of Greylag Geese Anser anser in Souther Sweden; a neck-banding study. Ardea 79: 239-242.
- Nilsson, L. & H. Persson (1994) Factors affecting the breeding performance of a marked Greylag Geese Anser anser population in south Sweden. Wildfowl 45: 33-48.
- Nilsson, L., A. Andersson, A. Follestad & H. Persson (1993): Observation of neck-banded Nordic Greylag Geese (Anser anser) during 1989/1990. Seevögel 14: 14-17.
- Prokosch, P. (1981): Bestand, Jahresrhythmus und traditionelle Nahrungsplatz-bindung der Ringelgans (Branta bernicla) im nordfriesischen Wattenmeer. Diplomarbeit an der Universität Kiel. 146 Seiten.
- Rutschke, E. (1997): Wildgänse: Lebensweise - Schutz - Nutzung. Parey, Berlin.
- Sedinger, J. S., R. G. White & W. E. Hauer (1990): Effects of carrying radio transmitters on energy expenditure of Pacific Black Brant. J. Wildl. Manage. 54: 42-45.
- Tveit, G. (1984): Autumn migration, wintering areas and survival of Bean Geese Anser fabalis marked on the moulting grounds in Finnmark, North Norway. Swedish Wildlife Research 13: 73-81.