Massnahmenkonzept Vogelschutzgebiet

 

Maßnahmenplan für das EU-Vogelschutzgebiet Unterer Niederrhein

 

Das EU-Vogelschutzgebiet „Unterer Niederrhein“ ist ein Brut- und Rastgebiet von internationaler Bedeutung und das zweitgrößte Vogelschutzgebiet in NRW. Hier brüten stark gefährdete Vogelarten wie Uferschnepfe, Rotschenkel, Trauerseeschwalbe und Blaukehlchen. Aus Rast- und Überwinterungsplatz dient der Untere Niederrhein vor allem den arktischen Wildgänsen aber auch zahlreichen Enten, Schwänen und Limikolen.

Mit dem Maßnahmenkonzept für das EU-Vogelschutzgebiet wurde Pionierarbeit geleistet, in dem zum ersten Mal für ein EU-Vogelschutzgebiet in NRW ein derartiger Plan erarbeitet wurde. Aufgrund einer Verpflichtung durch die EU-Kommission im Jahr 2008 gab die Landesregierung von NRW dieses in Auftrag und verpflichtete sich das Konzept für das 25.800 Hektar große Gebiet umzusetzen. Hintergrund war, dass sich das Gebiet seit seiner Ausweisung im Jahr 1983 stark verschlechtert hatte und das zahlreiche Arten in ihrem Bestand stark zurückgegangen oder sogar ausgestorben waren.

 

Jetzt soll das Vogelschutzgebiet durch konkrete Naturschutzmaßnahmen für bedrohte Vogelarten wieder aufgewertet werden, um Bestandsgrößen wie zum Zeitpunkt der Unterschutzstellung zu erreichen. Bisher gibt es solche Konzepte nur für FFH-Gebiete, nicht aber für Vogelschutzgebiete.

 

Erarbeitet wurde der Maßnahmenplan 2009 bis 2010 vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (LANUV). Maßgebliche Zuarbeit leistete die  NABU-Naturschutzstation Niederrhein gemeinsam mit den anderen Biologischen Stationen am Niederrhein – der Biologischen Station Westliches Ruhrgebiet, der Biologischen Station im Kreis Wesel und dem Naturschutzzentrum im Kreis Kleve.

 

Vorgeschichte

Im Oktober 2006 eröffnete die EU-Kommission ein förmliches Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland, da das EU-Vogelschutzgebiet „Unterer Niederrhein“ nicht ausreichend groß ausgewiesen und unzulässig verkleinert wurde. Außerdem hatte sich der Erhaltungszustand dieses Gebietes dramatisch verschlechtert.

Kiesabgrabung bei Reeserward neuer Boxenlaufstall und Mais 25-1-2011
Über 5.000 ha des EU-Vogelschutzgebietes wurden durch Kiesabgrabungen entwertet. Die Umstellung der Milchviehwirtschaft auf ganzjährige Stallhaltung führt zu Grünlandumbruch.


Dieses förmliche Verfahren wurde im Jahr 2008 mit einem Kompromiss zwischen dem Land NRW und der EU-Kommission beigelegt: Es wurden 5.500 Hektar Vogelschutzgebietsfläche nachgemeldet, so dass das Gebiet heute 25.800 Hektar groß ist. Außerdem verpflichtete sich die Landesregierung, ein Maßnahmenkonzept zu erstellen und anschließend umzusetzen. Vom Landesamt für Umwelt, Natur und Verbraucherschutz NRW (LANUV) wurden daraufhin die im Vogelschutzgebiet tätigen Biologischen Stationen mit Zuarbeiten zu diesem Maßnahmenkonzept beauftragt.

Bearbeitung

Die Bestandsentwicklungen der Brutvogelarten im Gebiet wurden ermittelt. Um festzustellen, ob die Arten zu- oder abgenommen haben, wurden aktuelle Befunde mit älteren Erhebungen verglichen. Solche Analysen wurden auch für die wichtigen Rastvogelarten wie Bläss- und Saatgans, Sing- und Zwergschwan, Kampfläufer oder Goldregenpfeifer durchgeführt.

 

Die Faktoren, die im Wesentlichen Einfluss auf die Größe des Vorkommens im Schutzgebiet haben, wurden einzeln untersucht und in ihrer Bedeutung für die jeweiligen Arten gewichtet. Unter Beachtung überregionaler Einflüsse können viele Ursachen für Bestandsveränderungen analysiert werden. Ziel des Maßnahmenkonzeptes ist es, entsprechende Gegenmaßnahmen vorzuschlagen, um die Bestandssituation der bedrohten Vogelarten wieder zu verbessern.

Einflussfaktoren

Die Bestandsentwicklung und Gefährdungssituation der Wert gebenden Arten hängt direkt – oder aufgrund von Lebensraumveränderungen indirekt – von verschiedenen Einflussfaktoren ab:


der Landwirtschaften Nutzung und ihrer Intensität
Wasserhaushalt
Flächenverbrauch und Versiegelung
Rohtstoffgewinnung (Kies, Sand und Ton)
Infrastruktur & Zerschneidung
Energieerzeugung
Freizeit- und Erholungsnutzung
Weitere Landnutzungen wie Jagd, Forstwirtschaft und Angelsport/Fischerei

Landwirtschaft

Eine besondere Bedeutung kommt der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung zu, die in großen Teilen des Vogelschutzgebiets die dominierende Landnutzungsform ist. Einfluss auf die Vogelbestände nimmt insbesondere die Intensivierung der Landbewirtschaftung. Diese umfasst systematische Entwässerungen und intensiven Gebrauch von Dünge- oder Spritzmitteln, die zu immer intensiverer Schnittnutzung des Grünlands führen. Am Ende der Intensivierungsskala steht die dauerhafte Umwandlung von Grünland in Äcker, die durch den Boom von Biogasanlagen auch am Niederrhein beschleunigt stattfindet.
Im Bezug auf den Wasserhaushalt erweist sich die seit Jahrzehnten voranschreitende Rheinsohlenvertiefung als naturschutzfachlich problematisch. Mit den fallenden Rheinwasserständen sinkt der Grundwasserstand – nicht nur im Rheinvorland – beträchtlich ab und hinterlässt immer trockenere Verhältnisse. Besonders augenfällige Veränderungen hinterlässt der am Niederrhein großflächig erfolgende Kiesabbau. Aus ehemaligen Grünlandflächen, die Gänsen als Äsungsraum und gefährdeten Brutvogelarten als Brutplatz dienten, werden so oft tiefe Seen.
Ein besonderes Problem im Vogelschutzgebiet stellen die vielfältigen Störungen dar. Angler am Rheinufer sorgen mit ihrem Betretungsrecht, nicht zuletzt auch durch die Nachahmungstätigkeit von Erholungssuchenden, für vielfältige Negativeinflüsse. Großes Störpotenzial geht von diversen Fluggeräten wie Segel- und Modellfliegern, Heissluftballonen oder privat genutzten Hubschraubern aus. Auch jagdliche Aktivitäten gehen mit Störungen für rastende Wasservögel oder störungsempfindliche Brutvögel einher.

Leitart Uferschnepfe

Um die Maßnahmen nachvollziehbar abzuleiten, wurden für die wichtigsten Lebensräume charakteristische Vogelarten benannt. Das Feuchtgrünland soll beispielsweise anhand der ökologischen Ansprüche der „Leitart“ Uferschnepfe geschützt und entwickelt werden. Die bundes- und landesweit vom Aussterben bedrohte Uferschnepfe hat hier seit der Ausweisung des Vogelschutzgebiets 1983 einen Bestandsrückgang von über 65 % erlebt (s. Diagramm). Im Frühjahr 2010 wurden bei Kartierungen im Rahmen des Maßnahmenkonzepts und der Schutzgebietsbetreuung insgesamt 100 Uferschnepfenreviere festgestellt. Nach der Hetter, dem wichtigsten Brutgebiet der Art in NRW, folgt die Düffel als zweitwichtigstes Teilgebiet des Unteren Niederrheins. Für dieses Gebiet wurde im September 2012 daher ein großes LIFE-Projekt zur Grünlandentwicklung [Link zu DÜL-Unterseite] für verschiedene Zielarten gestartet. In vielen Deichvorlandflächen sieht es heute allerdings schlecht für die Uferschnepfe aus: Ab dem Jahr 2011 konnten auf Salmorth leider keine Uferschnepfen-Reviere mehr erfasst werden, aus vielen anderen rheinnahen Gebieten war dieser Wiesenbrüter bereits vorher verschwunden.

Maßnahmenplanung

Geeignete Maßnahmen zum Schutz der Uferschnepfe beginnen bei einer angepassten Bewirtschaftung mit dem Aussetzen der Flächenbearbeitung (Walzen, Schleppen) ab Mitte März und einer ersten Mahd etwa ab Mitte Juni. Gezielter Gelegeschutz kann eine große Bedeutung haben, wenn bei der ersten Mahd wenigstens Teilbereiche stehen bleiben können. Besonders wichtig ist auch die Verbesserung des Wasserhaushalts, indem weniger entwässert wird. Insgesamt benötigen Uferschnepfen arten- und blütenreiches Grünland, denn die Küken brauchen viele Insekten zur Nahrung, die sie nur dort finden, wo wenig Dünger und Spritzmittel eingesetzt werden.


Weitere Maßnahmen betreffen zum Beispiel die Wiederanbindung von Altarmen oder die Verbesserung der Uferstruktur von künstlich angelegten Gewässern, z.B. Abgrabungen. Leitart für die Entwicklung von Auengewässern ist die Trauerseeschwalbe, die in NRW aktuell nur noch am Bienener Altrhein brütet. Schilfröhrichte stellen einen weiteren Lebensraum dar, der aktuell am Niederrhein in viel zu kleinflächiger Ausprägung existiert und gefördert werden muss. Die ausgestorbene Große Rohrdommel wurde von den Biologischen Stationen zur Röhricht-Leitart ausgewählt. Eine Rückkehr dieser Art ist insbesondere aufgrund ihres Zugverhaltens nicht ausgeschlossen. Weitere Schilfbewohner wie Tüpfelsumpfhuhn, Blaukehlchen und Teichrohrsänger würden von den Maßnahmen zur Röhrichtförderung aber ebenfalls profitieren.


Auch im Bereich der Freizeitnutzung, einschließlich des Angelsports gibt es Maßnahmenvorschläge und Regelungsbedarf. Durch eine verbesserte Besucherlenkung sollen Störungen aus wichtigen Kernbereichen des Vogelschutzgebiets herausgehalten und diese so „beruhigt“ werden.

 

Nach Abschluss der Erfassungen, Analysen und der Entwicklung von Maßnahmenvorschlägen durch die Biologischen Stationen im Oktober 2010 erarbeitete das Landesamt für Umwelt, Natur und Verbraucherschutz das offizielle Maßnahmenkonzept.

Im Rahmen von „Runden Tischen“ wurden Behörden (Kreise, Kommunen), Nutzergruppen (Land- und Wasserwirtschaft, Abgrabungsunternehmen, Freizeitanbieter) und die anerkannten Naturschutzverbände in die Planungen einbezogen.

 

Das offizielle Konzept, für das das LANUV verantwortlich zeichnet, wurde dann anschließend im Februar 2011 vorgelegt. Zur Stand der Umsetzung des Maßnahmenkonzepts gibt es nun regelmäßige Treffen in den Kreisen, in denen das Vogelschutzgebiet liegt.

Info

Das EU-Vogelschutzgebiet Unterer Niederrhein ist das zweitgrößte Vogelschutzgebiet in NRW. Das Land NRW erstellt für die europäischen Schutzgebiete (FFH- und Vogelschutzgebiete) Maßnahmenkonzepte als Leitlinien zurkünftiger Entwicklung.