Naturschutzgebiet Kranenburger Bruch

Steffi Heese ist als Schutzgebietsbetreuerin seit vielen Jahren für dieses besonders artenreiche Naturschutzgebiet zwischen Nütterden und Kranenburg verantwortlich. Sie erzählt, welche seltenen Lebensräume und Arten es zu entdecken und zu schützen gibt.

Steffi, was macht das Kranenburger Bruch für dich besonders?
Die Vielfalt von zum Teil selten gewordenen Lebensräumen auf kleinem Raum und damit verbunden das Vorkommen zahlreicher bedrohter Tier- und Pflanzenarten machen das Kranenburger Bruch zu etwas ganz Besonderem.

Es gibt immer was zu entdecken: das hübsche Blaukehlchen, das auf einem Zaunpfahl oder einem Busch sitzend, inbrünstig sein Lied zum Besten gibt. Die heimliche Wasserralle, die ihre Anwesenheit meist nur durch ihr Rufen verrät, das klingt wie die das Quietschen eines Schweines. Oder die Nachtigall, deren melodischer Gesang aus dem Gebüsch erklingt.

Wenn dann früh morgens die Nebelschwaden über den Wiesen liegen und bei Sonnenaufgang die zahlreichen Blüten auf den Feuchtwiesen im Morgentau glitzern, hat man das Gefühl, dass das Paradies auch nicht schöner sein könnte.

Warum genau ist das Kranenburger Bruch ein Naturschutzgebiet?
Das Kranenburger Bruch zählt mit seinem Reichtum an Pflanzen-, Insekten- und Vogelarten zu den wichtigsten Feuchtgebieten im EU-Vogelschutzgebiet „Unterer Niederrhein“. Von den vielen seltenen Vogelarten habe ich drei ja bereits erwähnt. Bei den Insekten wurden beispielsweise insgesamt bisher fast 600 Schmetterlingsarten im Kranenburger Bruch nachgewiesen. Außerdem findet man hier zum Beispiel gefährdete Libellenarten wie den Spitzenfleck und die Keilfleck-Mosaikjungfer.

Auch botanisch macht das Gebiet einiges her. Neben Orchideen wie der Bienen-Ragwurz, der Sumpf-Stendelwurz und dem Knabenkraut kommen hier unter anderem typische Moorarten wie der Fieberklee, der Teufelsabbiss und das Sumpfblutauge vor. Das Gebiet konnte nämlich trotz zahlreicher Entwässerungsmaßnahmen in der Vergangenheit seinen Niedermoorcharakter in Teilen bewahren und gehört sogar zu den bedeutendsten Niedermoorresten in ganz Nordrhein-Westfalen. Charakteristisch ist das hoch anstehende Grundwasser.

Besonders ist außerdem das Mosaik aus vielen verschiedenen Lebensräumen: extensiv bewirtschaftete Feuchtwiesen, große zusammenhängende Röhrichtbereiche, naturnahe Gehölzgesellschaften – zum Beispiel Bruchwald –, Brachen und Säume. Säume sind übrigens Grenzbereiche zwischen zwei Lebensräumen.

Warum sind Niedermoore so wertvoll?
Niedermoore gibt es kaum noch. Sie sind selten geworden, da in der Vergangenheit durch Entwässerungsmaßnahmen und Torfabbau viele Moorflächen zerstört wurden.

Deshalb ist es so wichtig, diese Kleinodien zu erhalten und damit natürlich auch ihre Bewohner.
Was wir zudem nicht vergessen sollten: Intakte Niedermoore binden Kohlendioxid aus der Atmosphäre. Sie sind also echte Klimaschützer.

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Aufnahmen aus dem Kranenburger Bruch

Wie ist der derzeitige Zustand des Gebiets?
Der Zustand des Naturschutzgebiets liegt im mittleren Bereich. Sehr gut ist, dass das Gebiet nahezu vollständig in öffentlicher Hand vom Land NRW, dem Landesbetrieb Wald und Holz und der Gemeinde Kranenburg ist. Das ermöglicht Maßnahmen für den Naturschutz und stellt sicher, dass die Flächen extensiv bewirtschaftet werden. Das bedeutet unter anderem, dass die Pächter das Grünland erst spät das erste Mal mähen und auf das Jahr bezogen auch nicht mehr als zwei Mal. Die Flächen werden nicht gedüngt und es werden keine Pestizide eingesetzt. Das ist gut für die Artenvielfalt.

Zum anderen haben die EU und das Land NRW in den letzten Jahren Mittel bereitgestellt, damit wir größere Maßnahmen zur Landschaftspflege umsetzen konnten. Wir haben Gehölze beseitigen lassen und konnten damit den Gebietszustand deutlich verbessern. Darüber freuen wir uns sehr. Diese Gehölze hatten nämlich über die Jahre von den Gräben aus immer mehr die wertvollen Feuchtwiesen und Schilfflächen überwachsen.

Wichtiges Ziel, um den Zustand des Gebiets weiter zu verbessern, bleibt die Sanierung des Wasserhaushaltes. Vor allem brauchen wir mehr nährstoffarmes Grundwasser im Gebiet. Sorgen bereiten uns hierbei die immer häufigeren Dürreereignisse wegen der Klimaerhitzung und die damit sinkenden Grundwasserstände.

Außerdem reichert sich Stickstoff – zum Beispiel aus Landwirtschaft oder Verkehr – über Einträge aus der Luft im Boden an. Dies gefährdet seltene Pflanzenarten, die an nährstoffarme Standorte angepasst sind.

Was genau machen wir dort?
Wir sind als Biostation vom Land Nordrhein Westfalen mit der Betreuung des Naturschutzgebietes Kranenburger Bruch beauftragt. Im Rahmen der Gebietsbetreuung entwickeln wir Vorschläge für lebensraumverbessernde Maßnahmen und veranlassen die Umsetzung und begleiten diese auch. Das sind dann solche Maßnahmen wie eben beschrieben: der Rückschnitt von Gehölzen, um die wertvollen Feuchtwiesen zu erhalten, oder auch das gelegentliche Entschlammen von Kleingewässern, um zu verhindern, dass diese verlanden.

Bei größer angelegten Maßnahmen beantragen wir zunächst Mittel zur Finanzierung, oftmals beim Land NRW. Dazu holen wir Genehmigungen ein und lassen artenschutzrechtliche Prüfungen durchführen. Nicht zuletzt begleiten wir dann später auch die Umsetzung der Maßnahmen. Welche Maßnahmen letztlich zur Umsetzung kommen, stimmen wir eng vor allen mit der Unteren Naturschutzbehörde, der Bezirksregierung Düsseldorf und dem Landesbetrieb Wald und Holz ab.

Kleinere Pflegemaßnahmen setzen wir mit der Hilfe von Ehrenamtlichen und den Freiwilligen um. Dazu gehören zum Beispiel das Freischneiden von Gräben und Gewässern, Gehölzrückschnitt im Schilfgebiet, Kopfbaumpflege sowie die Bekämpfung von Neophyten wie der Herkulesstaude. Highlight ist jedes Jahr die Mahd der Orchideenwiese. Diese wird zum Schutz des empfindlichen Moorbodens seit Jahrzehnten nur mit handgeführten Balkenmähern gemäht und anschließend mit Hilfe von handgezogenen Planen abgeräumt.

Zudem kartieren wir Flora und Fauna, um die Gebietsentwicklung zu dokumentieren und Maßnahmen daraus abzuleiten. Brut- und Rastvögel erfassen wir jährlich, andere Artengruppen wie etwa Amphibien, Libellen und Heuschrecken etwa alle sechs Jahre. Auch die botanischen und vegetationsökologischen Erhebungen erfolgen durchschnittlich im sechsjährigen Rhythmus.

Kann man das Kranenburger Bruch betreten oder besichtigen?
Rings um das Kranenburger Bruch führen Wander- und Feldwege. Hier bekommt man bei einem Spaziergang oder einer Radtour einen schönen Einblick ins Gebiet. Von der Beobachtungshütte, gleich links um die Ecke vom Parkplatz Kurze Hufen/Tüthees hat man einen wunderbaren Blick auf den Flachwassersee.

Bitte denken Sie daran, sich nur auf den Wegen zu bewegen und Hunde an der Leine zu führen. Ihr Auto lassen Sie bitte auf dem ausgewiesenen Parkplatz stehen. Die Straßen im Gebiet (Bruchsche Straße, Kurze Hufen) sind nur für den landwirtschaftlichen Verkehr und Radfahrer freigegeben. Bitte respektieren Sie dies, den Bewohnern des Naturschutzgebietes zuliebe. Ansonsten freue ich mich über alle, die zu Besuch kommen, sich an der reichen Natur erfreuen und vielleicht auch die ein oder andere besondere Art am Wegesrand oder auf einem Zaunpfahl entdecken.

Was wünschst du dir für die Zukunft für das Gebiet?
Da fällt mir eine Menge ein: Für die Zukunft des Gebietes wünsche ich mir vor allem eine Verbesserung des Wasserhaushaltes, um das Niedermoor zu erhalten. Dies käme auch dem Schilfgebiet im Osten zugute. Das hat wegen seiner Größe eine landesweite Bedeutung für Röhrichtbrüter wie etwa den Teichrohrsänger. Es ist aber durch den Mangel an Wasser aktuell in keinem guten Zustand.

Zum Schutz des empfindlichen Moorbodens sollte auf den Wiesen zudem besonders in den feuchteren Bereichen bodenschonendere Mäh- und Erntetechnik zum Einsatz kommen. Außerdem hoffe ich, dass wir es schaffen invasive Arten wie die Herkulesstaude weiter zurückzudrängen.

Ein Traum für mich als Ornithologin wäre natürlich noch, wenn die Bekassine eines Tages als Brutvogel ins Gebiet zurückkehren würde. Und zuletzt wünsche ich mir noch, dass mehr Leute Verständnis für das Fahrverbot auf der Bruchschen Straße und den Kurzen Hufen haben und sich daran halten. Unter anderem der stark gefährdete Kiebitz, der hier im Frühjahr seine Küken über die Straße führt, wird es ihnen danken.

Steckbrief Naturschutzgebiet Kranenburger Bruch

Lage: Nordkreis Kleve, linksrheinisch, zwischen Nütterden und Kranenburg
Größe: 115 Hektar
Schutzstatus: Naturschutzgebiet, FFH-Gebiet, Teil des EU-Vogelschutzgebietes Unterer Niederrhein
Jahr der Ausweisung als Naturschutzgebiet: 1985
Landschaft und Naturraum: Niedermoorrelikt mit flächig überwiegenden Niedermoorböden, charakteristisch sind hoch anstehende Grundwasserstände aus Niederschlägen und Druckwasser aus dem Reichswald. Naturnahe Gehölzgesellschaften, Brachen und Röhrichte haben sich über die Jahre entwickelt. Die landwirtschaftliche Bewirtschaftung ist auf extensive Grünlandnutzung beschränkt. Dadurch ist ein artenreiches Mosaik aus verschiedenen Lebensräumen entstanden. Von dieser Vielfalt profitiert eine artenreiche Insekten-, Amphibien- und Vogelfauna sowie viele Pflanzenarten.
Wandern, Radfahren und Naturbeobachtung entlang des Naturpfades möglich, eingeschränkte Genehmigung für Angeln, Jagd und Befahren mit dem Auto
Einige seltene Pflanzenarten im Gebiet: Bienen-Ragwurz, Knabenkräuter, Sumpf-Stendelwurz, Fieberklee, Teufelsabbiss, Sumpfblutauge, Faden-Segge, Gelbe Wiesenraute, Gewöhnlicher Wasserschlauch, Froschbiss, Krebsschere
Einige seltene Tierarten im Gebiet: Blaukehlchen, Bekassine, Zwergschnepfe, Kuckuck, Wiesenpieper, Nachtigall, Biber, Kleiner Wasserfrosch, Ringelnatter, Keilfleck-Mosaikjungfer, Torf-Mosaikjungfer, Fledermaus-Azurjungfer, Spitzenfleck, Milchweißer Kreuzdornwickler, Schilfrohrbohrer
Ansprechperson: Stefanie Heese  und Dietrich Cerff (stv.) 

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