Vogelschutzgebiet Unterer Niederrhein

Dietrich Cerff ist Vorstandsvorsitzender unserer Station und seit vielen Jahren für diese, hier am Unteren Niederrhein im Nordkreis Kleve tätig.

Dietrich, wir wissen, wo wir uns geografisch befinden. Aber wo sind wir eigentlich, wenn man aus der Sicht des Naturschutzes auf die Karte schaut?
Der Untere Niederrhein ist ein Naturraum, der vom Rhein geprägt ist. Zahlreiche Gewässer und Feuchtwiesen sind charakteristisch – und diese sind Lebensräume für Vögel, die es nur in wenigen, meist küstennahmen Landschaften Deutschlands gibt.
Dieser Reichtum an Lebensräumen und die Arten, die hier zu Hause sind, haben dafür gesorgt, dass der Untere Niederrhein als EU-Vogelschutzgebiet ausgewiesen wurde, das viele dieser Brut- und Rast-Gebiete zusammenfasst.

Wie kam es zur Ausweisung des Vogelschutzgebiets?
Die EU-Richtlinie zu Vogelschutzgebieten von 1979 entstand unter dem Eindruck dramatischer Rückgänge bei den Beständen, die vor allem aus der Zerstörung der Lebensräume der Tiere herrühren. Dem gingen andere internationale Verabredungen zum Schutz von Feuchtgebieten und Zugvögeln vorher.

1983 wurden Kerngebiete im Umfang von etwa 25.000 Hektar festgelegt. Dies war nur ein kleiner Teil des ornithologisch wertvollen Bereichs und auch der Schutz war nicht wirklich gewährleistet. Als das Land NRW 1998 dieses Gebiet sogar noch verkleinern wollte, reichte der NABU NRW Beschwerde bei der EU ein. Das daran anschließende Vertragsverletzungsverfahren wurde 2008 beigelegt, in dem das Land NRW das Vogelschutzgebiet etwas vergrößerte und zusagte, ein Maßnahmenkonzept zur Wiederherstellung eines guten Erhaltungszustandes zu erstellen und binnen zehn Jahren umzusetzen.

Was bewirkt die Ausweisung als Vogelschutzgebiet?
Anders als bei Naturschutzgebieten, die nach nationalem Recht ausgewiesen werden, gibt es bei den Schutzgebieten nach europäischem Recht (Vogelschutzgebieten und FFH-Gebiete) eine Verpflichtung, diese in einen guten Zustand zu bringen oder zu halten. Somit ist das Land NRW verpflichtet, den verschlechterten Zustand wieder zu korrigieren. Das heißt, die verschiedenen Lebensräume, Gewässer, Sümpfe und Wiesen müssen wieder in einen naturnäheren Zustand versetzt werden.

An einigen Stellen ist dies erfolgt, aber der große Teil des Gebietes leidet immer noch unter den Nährstoffeinträgen, der intensiven Landnutzung und der Rheinbegradigung. Die Maßnahmen aus dem Konzept sind noch lange nicht umgesetzt.

Die Rheinniederung stoppt ja nicht an der Grenze, sondern geht als Naturraum mit den gleichen Böden, dem gleichen Fluss und geologischen Verhältnissen weiter. Wie organisieren unsere Nachbarn, die Niederlande, den Naturschutz in diesem Raum?

In den Niederlanden hat man nur die rheinnahen Feuchtgebiete unter Schutz gestellt, den Agrarraum nicht. Das führte dazu, dass die Uferschnepfe in der niederländischen Rheinniederung östlich von Nimwegen zwar in den 1980er Jahren noch ein Allerweltsvogel war, aber dann in rasendem Tempo ausstarb. Die Niederlande konzentrieren sich beim Wiesenvogelschutz auf die großen Bestände im Norden und Westen des Landes.

Bei den Außendeichflächen in unserer Region (Flächen, die vor den Deichen, ungeschützt am Strom liegen) sind sie in den 1980er Jahren beim Naturschutz einen neuen Weg gegangen: Große Gebiete wurden in Naturentwicklung überführt und mit halbwilden Weidetieren wie Galloway-Rinder und Konik-Ponys beweidet. So ist hier im Laufe der Jahre eine wilde Mischung aus unterschiedlichen Vegetationstypen, Auwald, Gebüsch, Staudenfluren und offene Sandstellen entstanden, die sehr vielen Tier- und Pflanzenarten Raum bietet.

Wie ist der derzeitige Zustand des Vogelschutzgebiets?
Seit der Ausweisung als Vogelschutzgebiet hat sich der Zustand aus verschiedenen Gründen erheblich verschlechtert.

  • Der Rhein tieft sich durch seine Begradigung immer mehr ein und lässt zahlreiche anliegende Feuchtgebiete austrocknen, weil der Grundwasserpegel sinkt. Verstärkt wird dies zum einen durch das gezielte Ableiten von Wasser aus den feuchten Gebieten, um sie landwirtschaftlich besser nutzen zu können, und zum anderen durch die Klimaerhitzung.
  • Der sehr hohe Tierbestand und die damit verbundenen Güllemenge, die ebenso wie Mineraldünger ausgebracht werden, führen der Landschaft und Gewässern große Mengen von Stickstoff zu. Auch Autoabgase, vor allem Diesel, sind ein Problem. Über verdunstendes Ammoniak gelangen diese Stoffe, die die Ökosysteme quasi überschwemmen, auch in die Naturgebiete und Wälder.
  • In den letzten Jahrzehnten wurde die landwirtschaftliche Nutzung immer intensiver und der Pestizideinsatz zum Normalfall. In der Folge sind fast alle Wiesenblumen und Ackerkräuter aus den landwirtschaftlichen Flächen verschwunden – selbst in den Naturschutzgebieten.
  • Vor allem im Nachbarkreis Wesel, aber auch im Kreis Kleve wurden zur Kiesgewinnung erhebliche Teile der niederrheinischen Landschaft weggebaggert.

Doch es gibt auch eine Reihe positiver Entwicklungen:

  • Mit dem Jahrhundertwechsel konnte die Eintiefung des Rheins zumindest fast gestoppt werden.
  • Gerade in den Naturschutzgebieten konnten einige Maßnahmen durchgeführt werden, die zu einer kleinräumigen Aufwertung des Vogelschutzgebietes geführt haben. So wurden Blänken angelegt, Entwässerungsgräben verschlossen und in der Emmericher Ward eine Nebenrinne angelegt.
  • In der Landwirtschaft ist seit einigen Jahren ein sehr starkes Bedürfnis zu spüren, mehr mit statt gegen die Natur zu arbeiten. Allerdings bietet die aktuelle Förderpolitik der Europäischen Union dazu wenig Anreiz. Auf den produktiven niederrheinischen Böden ist es für Landwirte mit (deutlichen) Einkommensverlusten verbunden, wenn sie im Rahmen des Vertragsnaturschutzes gegen Entschädigung ihre Nutzung auf einigen Flächen extensivieren.

In Zukunft wird sicher die Klimaerhitzung eine große Bedrohung für alle Feuchtgebiete, aber auch den Wald darstellen. Hier müssen wir dringend gegenarbeiten – auf allen Ebenen: sowohl bei der Vermeidung von klimaschädigenden Gasen als auch bei der Anpassung an die Veränderung.

Gibt es Tipps zur Vogelsichtung hier im Nordkreis Kleve – mal von den Naturschutzgebieten abgesehen?
Ja, die gibt es. Wir empfehlen Touren im Reichswald, der nicht Teil des Vogelschutzgebietes ist, und auf niederländischer Seite in der Millingerwaard. Einige Wasservögel kann man am Kermisdahl in Kleve sehen. Ansonsten kann ich noch die Bislicher Insel bei Xanten empfehlen, die von der Biostation Wesel betreut wird.

Was wünschst du dir für die Zukunft für das Vogelschutzgebiet?
Die Umsetzung des Maßnahmenkonzepts wäre ein Riesenschritt nach vorne. Was getan werden muss, ist eigentlich seit über zehn Jahren klar. Es fehlt bisher am Geld um die verschiedenen Akteure dazu zu befähigen, aber auch am politischen Willen, diese Umsetzung wirklich konsequent anzugehen. Aber wir bleiben dran, genauso wie viele andere ehrenamtliche und hauptamtliche Aktive im Naturschutz.

Steckbrief

Lage: Nordwestliches Nordrhein-Westfalen, zieht sich entlang des Rheins vom Stadtgebiet Duisburg über den Kreis Wesel und den Kreis Kleve bis zur niederländischen Grenze
Größe und Schutzstatus: 25.809 Hektar Special Protected Area (SPA); 38.000 Hektar Important Bird Area (IBA)
Schutzstatus: Europäisches Vogelschutzgebiet, Natura-2000-Gebiet, beinhaltet mehrere Naturschutz und FFH-Gebiete
Lebensraumtypen: Feuchtwiesen, Altwasser, Agrarlandschaft, Auenwälder, Röhrichte, Kleingewässer

Weitere Biostationen, die Schutzgebiete im Vogelschutzgebiet betreuen:
Biostation im Kreis Kleve
Biostation im Kreis Wesel
Biostation Westliches Ruhrgebiet

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