Menschen und Gänse

 

In Mitteleuropa sind die Wildgänse überwiegend Kulturfolger, dass heißt sie leben in von Menschen geschaffenen Landschaften. Ohne den Einfluss des Menschen wäre Mitteleuropa nämlich überwiegend von Wald bedeckt - erst durch die Landbewirtschaftung wurde die bäuerliche Kulturlandschaft geschaffen, in der heute die Gänse überwintern. Heute droht die Intensivierung der Landwirtschaft die Wildgänse wieder an den Rand zu drücken - und mit den Gänsen viele andere bedrohte Tier- und Pflanzenarten dieser Landschaft (z. B. Weißstorch, Wiesenvögel). So vernichtet z. B. die Umwandlung vieler Wiesen in Maisäcker wertvolle Äsungsgebiete der Gänse.
Das Verhältnis der Landwirtschaft zu den Wildgänsen ist auch sonst nicht ganz spannungsfrei: Unter bestimmten Bedingungen können die Gänse Weideschäden verursachen und so den Ertrag des Landwirts schmälern. In NRW werden die Landwirte dafür allerdings vom Staat entschädigt, so dass Wildgänse und Landwirte inzwischen sich aneinander gewöhnt haben.

 

Gänsefraßschäden

Die Gänse verteilen sich aufgrund innerartlicher Konkurrenz und Aggressionen (die Familien halten Abstand voneinander) einigermaßen gleichmäßig auf der Äsungsfläche. Außerdem äsen sie im Normalfall immer nur wenige Tage (meistens 3-5) auf einer Fläche und ziehen dann auf die nächste (siehe oben). So wird das Gebiet mehr oder weniger gleichmäßig beweidet. Werden die Gänse jedoch auf einigen Grasflächen verjagt, kann es vorkommen, dass sie die Wiesen und Weiden, auf denen sie nicht verjagt werden, überproportional hoch beweiden und damit eventuell Schaden anrichten können.

 

Seit 1986 gibt es zwischen dem Land NRW und dem Rheinischen Landwirtschaftsverband eine Vereinbarung, in der sich die Landwirte verpflichten, die Wildgänse nicht zu beunruhigen. Im Gegenzug verpflichtet sich das Land NRW die Schäden, die an landwirtschaftlichen Kulturen entstehen können, auszugleichen. Dazu meldet der Landwirt meldet zeitnah nach der Gänsebeäsung den Schaden an Landwirtschaftskammer und diese schickt Gutachter hinaus auf die Fläche, der den Schaden und die Größe der geschädigten Fläche feststellt. Auch vor der Ernte muss nochmals eine Schadenskontrolle stattfinden. Dann findet Auszahlung gemäß der geschädigten Fläche statt.

 

Im Jahre 2001/2002 beliefen sich diese Auszahlungen an die Landwirte auf rund 1,4 Millionen Euro. Im Winter 2011/12 sind die Gänseausgleichszahlungen auf 4 Millionen € angestiegen. Ob dieser Wert den tatsächlich entstandenen Schäden entspricht, ist sehr umstritten. Die größten Posten in der Entschädigung der Fraßschäden sind Zahlungen für Wintergetreide und Dauergrünland.

Gänse können nicht nur Fraßschäden anrichten. Frisch gekeimtes Wintergetreide leidet unter den vielen Gänsefüßen, vor allem bei nasser Witterung. Die kleinen Pflänzchen werden oft zertrampelt oder verschlämmen. Dass Gänse durch ihr Getrampel den Boden verdichten, ist nicht bewiesen. Eine Bodenverdichtung wird aber häufig als Schaden angegeben. Vielmehr verdichten die Böden durch die immer intensivere Bewirtschaftung und durch das Befahren von schweren Maschinen. Übermäßig beweidete Grasländer können durchaus erst bis zu zwei Wochen später gemäht werden als unbeweidete. Das verschafft den Landwirten Wettbewerbsnachteile. Genau um diese auszugleichen, werden die Gänsefraßentschädigungen gezahlt.

Bejagung

GänsejägerAuf ihren Zugwegen werden unsere Wildgänse in vielen Ländern stark bejagt. Auf ihrer Reise durch Russland, das Baltikum und Polen findet Gänsejagd statt. Über die Intensität der Jagd und die Anzahl der geschossenen Vögel lässt sich nichts Genaues sagen. Nach Aussage des Vogelschutzkomitees wird in diesen Ländern viel Wild illegal geschossen, so dass die offiziellen Regelungen wenig aussagekräftig sind und wir davon ausgehen können, dass der Jagddruck in Osteuropa sehr hoch ist. In ganz Europa inklusive Russland werden wohl jährlich mehr als 200.000 Gänse geschossen. Zwei Drittel aller Gänse tragen Schrote im Körper - sie sind irgend wann einmal nur angeschossen worden und haben so lebenslang Schmerzen.

 

Aber auch das Problem der Landwirtschaft wird dadurch nicht gelöst: Die Gänse werden scheuer und unruhiger und fliegen viel mehr umher. Dadurch benötigen sie wieder mehr Nahrung. Außerdem halten die Gänse größere Abstände zu Straßen und Gebäuden, wodurch sich die zur Nahrungsaufnahme zur Verfügung stehende Fläche verkleinert. Im Ergebnis fressen die Gänse mehr und das auf kleinere Fläche - und gerade hier entstehen dann Überweidungsschäden.

 

Auch in Deutschland werden noch Wildgänse geschossen. Die Jagdstatistik für das  Jagdjahr 2009/2010 weist für die Bundesrepublik einen Abschuss von 62.000 Wildgänsen aus, davon ungefährt 11.000 Tiere in NRW. Im Jagdjahr 2010/11 wurden in der Bundesrepublik 65.000 Wildgänse erlegt. Leider gibt es keine Aufschlüsselung nach Gänsearten.
Die jagdrechtlichen Regelungen versuchen zu unterscheiden zwischen Sommergänsen, also Tieren, die sich ständig in einem Gebiet aufhalten – häufig auch dort brüten –, und den arktischen Gänsen, wie Bläss-, Saat- und Ringelgans, die in einem Gebiet rasten bzw. überwintern. Von den „Exoten“ werden Kanadagans und Nilgans bejagt. In NRW dürfen Graugänse, Kanada- und Nilgänse ab Juli bejagt werden.

Für den Unterer Niederrhein und Weseraue gilt für die Zeit vom 15. Oktober – 31. Januar ein absolutes Jagdverbot auf sämtliche Gänse. Dieses Verbot wurde ausgesprochen, da eine Verwechslungsgefahr mit den überwinternden arktischen Wildgänsen besteht und diese durch Jagden zusätzlich gestört werden. Neben dem gesamten Vogelschutzgebiet umfasst dieser Bereich auch viele weitere Flächen.

Tourismus

Gänse-ExkursionViele Menschen wollen das einzigartige Naturschauspiel der überwinternden Wildgänse erleben und besuchen daher den Niederrhein. Vielfach verhalten sich die Menschen jedoch auch aus Unkenntnis falsch gegenüber den Wildgänsen und stören sie: Schutzgebiete werden betreten und die Fluchtdistanz der Gänse wird unterschritten. Diese fliegen dann auf und verlassen das Gebiet. Um allen interessierten Menschen die Gänsebeobachtung zu ermöglichen und gleichzeitig die Gänse zu schützen, bietet die NABU-Naturschutzstation Niederrhein jeden Winter sachkundig geführte Exkursionen zu den Wildgänsen an. Außerdem werden durch Informationstafeln und Broschüren Hinweise zum richtigen Verhalten gegenüber Wildgänsen gegeben.

Info

Jeder am Niederrhein kennt die Wildgänse. Viele kennen jedoch nicht den Unterschied zwischen den überwinternden arktischen Wildgänsen und den im Sommer am Niederrhein brütenden Arten. Für viele sind die Gänse ein beeindruckendes Naturschauspiel, andere müssen sich jedes Jahr mit den Fraßschäden der Gänse auseinander setzen.

Wildgänse

Hier erfahren Sie spannende Details sowie Zahlen und Fakten zu den am Niederrhein überwinternden Arten.

 

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