Wildgänse am Niederrhein
<<<< zurück
Einleitung
Die großen Schwärme überwinternder arktischer
Wildgänse am Niederrhein sind ein Wahrzeichen des Naturschutzes am
Niederrhein und in NRW. Bis zu 30 % des westeuropäischen Bestandes
der Blässgans halten sich am Niederrhein zwischen Duisburg und
Nimwegen (NL) auf und belegen damit die internationale Bedeutung dieses
Vogelrastgebietes. Die NABU-Naturschutzstation engagiert sich seit
ihrer Gründung im Schutz und in der Erforschung der
Wildgänse. Auf dieser Seite haben wir die wichtigsten Inforationen
zu diesem Thema zusammengetragen:
1. Entwicklung
Entwicklung der Rastbestände und Entschädigungszahlungen
Wildgänse gab es hier auch schon in früheren Jahrhunderten
- allerdings war deren Zahl geringer. In der Zeit zwischen 1950 und
1985 nahmen die Gänse schrittweise zu - von wenigen tausend
Vögeln auf dann rund 150.000 Exemplare. Seitdem pendelt der
Bestand um diesen Wert - je nach Witterung und Bruterfolg.
2. Arten (Zahlen, Erkennung)
a. Blässgans
Blässgans
Die häufigste Gänseart am Niederrhein ist mit rund 135.000
Exemplaren die Blässgans. Ein erwachsener Vogel ist an der
weißen Stirn, dem fleischfarbenen Schnabel und den schwarzen
Streifen auf dem Bauch zu erkennen. Jungvögel aus dem gleichen
Jahr haben im Herbst noch keine Blässe und die schwarzen Streifen
fehlen auch noch. Sie hat einen hohen jodelnden Ruf, der gar nicht wie
typisches Gänsegeschnatter klingt.
b. Saatgans
Saatgans
Zweithäufigste Gänseart am Niederrhein ist die Saatgans. Ihr
Bestand schwankt stark von Jahr zu Jahr - je nach Witterung. In milden
Wintern verbleibt der Großteil dieser Gänse in
Ostdeutschland, Polen und in Südosteuropa. In den letzten Jahren
rasten zwischen 15 - 30.000 dieser Art am Niederrhein. Die Saatgans ist
etwas größer als die Blässgans, hat einen
schokoladenbraunen Kopf (ohne Blässe) und der Schnabel ist dunkel
mit einem orangefarbenen Streifen. Der Ruf ist tief und nasal, so wie
man ihn von einer Gans erwartet.
c. Graugans
Graugans
Die Graugans kann man ganzjährig am Niederrhein beobachten und
in vielen Naturschutzgebieten ist sie inzwischen ein
regelmäßiger Brutvogel. Ursprünglich brütete sie
überwiegend östlich der Elbe. In den sechziger und siebziger
Jahren des zurückliegenden Jahrhunderts setzen Jäger
Graugänse aus. Diese haben sich inzwischen stark vermehrt. Am
ganzen Niederrhein brüten mehr als 1000 Paare der Graugans - vor
allem an Altrheinarmen, Kolken und anderen Gewässern. Im Herbst
und Winter rasten bis zu 5000 Vögel am Niederrhein, wobei meistens
die Nähe zum Wasser gesucht wird. Die Graugans ist deutlich
größer als Saat- und Blässgans, das Gefieder ist
hellgrau und sie hat einen großen karottenförmigen und -
farbigen Schnabel.
d. Weisswangengans
Weisswangengans
Für diese vor allem an den Meeresküsten lebende Art gibt
es zwei Namen: Weisswangengans bzw. Nonnengans. Sie gehört zur
Familie der Meeresgänse, ist recht klein und auffällig
grau-schwarz gezeichnet. Ursprünglich kam diese Art nur als
sogenannter Mitflieger oder Irrgast an den Niederrhein: An der
Küste der Niederlande, wo Bläss- und Weisswangengänse
gemeinsam überwintern, sind regelmäßig
"irrtümlich" einige Weisswangengänse mit den
Blässgänsen an den Niederrhein geflogen. Inzwischen hat diese
Art aber auch eine eigene Rastradition am Niederrhein: Vor allem auf
dem Frühjahrszug zieht ein Teil der Weisswangengänse aus dem
Rheindelta nicht entlang der Nordseeküste sondern folgt dem
Rheinverlauf und fliegt dann durch das norddeutsche Binnenland Richtung
der schwedischen Insel Gotland, wo ein Teil der Vögel brütet.
Ende Februar und Anfang März können über 1000
Weisswangengänse am Niederrhein beobachtet werden.
e. Nilgans
Nilgans
Der Name dieser Gänseart deutet auf
ihre Herkunft: In den siebziger Jahren konnten einige Nilgänse aus
den Zoos von Den Haag, Amsterdam und Brüssel entweichen. Sie haben
sich erfolgreich vermehrt und ausgebreitet, so dass Benelux und
Norddeutschland flächendeckend besiedelt ist. Am Niederrhein
halten sich bis zu 1000 Nilgänse auf - meist in kleinen Gruppen.
Außer den genannten Arten kommen
fast alle in Europa vorkommenden Gänsearten in geringer Zahl am
Niederrhein vor. Dazu gehören zum Beispiel Kurzschnabelgans,
Rothalsgans, Kanadagans und die Zwerggans.
3. Jahreszyklus
Tundra auf der Halbinsel Taymir
Wenn in Mitteleuropa noch Hochsommer herrscht, beginnt in der
arktischen Tundra schon der Herbst und Winter: Mitte August verlassen
die arktischen Wildgänse die Tundra und beginnen mit ihrer langen
Reise nach Mitteleuropa. Die Route führt entlang der
Nordmeerküste über das Baltikum nach Polen und
Ostdeutschland. Mitte September erscheinen die ersten Gänse in
Brandenburg und schon in den letzten Septembertagen kommt es dort zum
Masseneinflug, bei dem mehrere hunderttausend Gänse ankommen .
Am Niederrhein erscheinen in diesen Tagen die ersten kleinen Trupps,
die allerdings nur einige hundert Vögel umfassen. Im Laufe des
Oktobers nehmen die Gänsebestände am Niederrhein schrittweise
zu und Anfang November fliegen die meisten Gänse von
Ostdeutschland nach Westen, um am Niederrhein, den Niederlanden und
Belgien zu überwintern. Je nach Witterung, Nahrungsangebot und
Störungen pendelt ein Teil der Gänse im Laufe eines Winters
mehrfach zwischen den einzelnen Überwinterungsgebieten in
Westeuropa hin und her. Individuell markierte Gänse geben uns
darüber genaue Auskunft. --> Beringung
Wenn Ende Januar oder im Februar das Wetter langsam milder wird,
beginnen die ersten Gänse wieder ostwärts zu ziehen. Ende
Februar verlässt der größte Teil der Gänse den
Niederrhein - ein kleiner Teil bleibt noch bis zum 20. März. Von
Mitte März bis Ende Mai ziehen die Gänse über
Ostdeutschland, das Baltikum, Weissrussland in die arktische Tundra.
Von Juni bis August verrichten sie dort ihr Brutgeschäft. Die Zeit
ist sehr knapp bemessen: Wenn sich die Schneeschmelze um ein paar Tage
verzögert oder der Winter früher einkehrt, reicht die Zeit
nicht zur Jungenaufzucht. Wildgänse haben daher alle paar Jahre
keinen Bruterfolg.
4. Tagesrhythmus
Schlafplatzflug über das abendliche Kranenburg
Nachts schlafen Wildgänse auf dem Wasser, um sicher vor
Füchsen und anderen Bodenfeinden zu sein. Dazu suchen sie
Schlafplätze auf; das sind dafür von ihrer Größe
und Lage besonders geeignete Gewässer, die meist schon seit
Jahrzehnten als Schlafplatz genutzt werden. Morgens in der
Dämmerung, meist 1/2 Stunde vor Sonnenaufgang fliegen die
Gänse dann zu ihren Äsungsplätzen, die in einem Radius
von bis zu 15 Kilometer um den Schlafplatz liegen. Dort verbringen sie
den Tag, wobei sie, besonders bei Dauerfrost, auch tagsüber
mehrfach zum offenen Wasser fliegen, um zu trinken. Abends, rund 1/2
Stunde nach Sonnenuntergang, fliegen die Gänse dann wieder in
eindrucksvollen Formationen zu ihren Schlafplätzen.
Lagekarte Kaliwaal
Im Gebiet de Gelderse Poort liegen die Schlafplätze der Gänse
im Bereich "de Bijland" nördlich des Rheins und der Ortschaft
Keeken. Bis zu 100.000 Gänse wurde dort schon zur
Übernachtung angetroffen. Ein anderer Schlafplatz ist der Kaliwaal
bei Kekerdom, wo man den Schlafplatzflug auch sehr schön vom Deich
aus beobachten kann, ohne die Wildgänse zu stören. In
mondhellen Nächten bleiben die Gänse aber auch manchmal in
den Wiesen - besonders wenn diese nach Niederschlägen oder
Hochwasser leicht überflutet sind und auch so genügend Schutz
bieten.
Insgesamt sind die Gänse als Pflanzenfresser darauf angewiesen,
viel Nahrung zu sich zu nehmen. Dazu benötigen sie an den kurzen
Wintertagen die ganze helle Tageszeit.
5. Ernährung
Äsungsflächen von Blässgänsen in der Düffel
Wildgänse sind Pflanzenfresser und ernähren sich bei uns überwiegend von Gras. .
Zu bestimmten Jahreszeiten, z. B. nach der Ernte von Mais und
Zuckerrüben im Oktober und November, werden auch sehr gerne die
abgeernteten Felder aufgesucht, um sich von den nahrhaften Ernteresten
zu ernähren.
6. Menschen und Gänse
Gänse in der Kulturlandschaft
Wildgänse typischer Keilformation
In Mitteleuropa sind die Wildgänse überwiegend Kulturfolger,
dass heißt sie leben in von Menschen geschaffenen Landschaften.
Ohne den Einfluss des Menschen wäre Mitteleuropa nämlich
überwiegend von Wald bedeckt - erst durch die Landbewirtschaftung
wurde die bäuerliche Kulturlandschaft geschaffen, in der heute die
Gänse überwintern. Heute droht die Intensivierung der
Landwirtschaft die Wildgänse wieder an den Rand zu drücken -
und mit den Gänsen viele andere bedrohte Tier- und Pflanzenarten
dieser Landschaft (z. B. Weißstorch, Wiesenvögel). So
vernichtet z. B. die Umwandlung vieler Wiesen in Maisäcker
wertvolle Äsungsgebiete der Gänse.
Das Verhältnis der Landwirtschaft zu den Wildgänsen ist auch
sonst nicht ganz spannungsfrei: Unter bestimmten Bedingungen
können die Gänse Weideschäden verursachen und so den
Ertrag des Landwirts schmälern. In NRW werden die Landwirte
dafür allerdings vom Staat entschädigt, so dass
Wildgänse und Landwirte inzwischen sich aneinander gewöhnt
haben.
Bejagung
Gänsejäger
In vielen Ländern wird dieser Konflikt allerdings mit dem Gewehr
gelöst. Die Gänse werden fast überall intensiv bejagt -
mit verheerenden Folgen: In ganz Europa inklusive Russland werden wohl
jährlich mehr als 200.000 Gänse geschossen. 2/3 aller
Gänse tragen Schrote im Körper - sie sind irgend wann einmal
nur angeschossen worden und haben so lebenslang Schmerzen .
Aber auch das Problem der Landwirtschaft wird dadurch nicht
gelöst: Die Gänse werden scheuer und unruhiger und fliegen
viel mehr umher. Dadurch benötigen sie wieder mehr Nahrung.
Außerdem halten die Gänse größere Abstände
zu Straßen und Gebäuden, wodurch sich die zur
Nahrungsaufnahme zur Verfügung stehende Fläche verkleinert.
Im Ergebnis fressen die Gänse mehr und das auf kleinere Fläche - und gerade hier entstehen dann Überweidungsschäden .
Tourismus
Unvorsichtige Gänsetouristen schrecken oft die Gänse auf.
Gänseschutz-Infowagen der NABU-Naturschutzstation

Teilnehmer eine Wildgänse-Exkursion
Viele Menschen wollen das einzigartige Naturschauspiel der
überwinternden Wildgänse erleben und besuchen daher den
Niederrhein. Vielfach verhalten sich die Menschen jedoch auch aus
Unkenntnis falsch gegenüber den Wildgänsen und stören
sie: Schutzgebiete werden betreten und die Fluchtdistanz der Gänse
wird unterschritten. Diese fliegen dann auf und verlassen das Gebiet.
Um allen interessierten Menschen die Gänsebeobachtung zu
ermöglichen und gleichzeitig die Gänse zu schützen,
bietet die NABU-Naturschutzstation jeden Winter sachkundig
geführte Exkursionen zu den Wildgänsen an. Außerdem
werden durch Ranger im Gelände, durch Informationstafeln und
Broschüren Hinweise zum richtigen Verhalten gegenüber
Wildgänsen gegeben.
--> "Weitere Informationen zu den Wildgänse-Exkursionen
7. Gänseforschung (Beringung)
Einleitung
Seit rund einem Jahrhundert werden Vögel u. a. zur Erforschung
ihrer Zugwege beringt. Im Laufe der Jahre haben sich die Methoden und
Ziele der Beringung stark verändert, so hält z. B. heute die
Satellitentelemetrie Einzug in die Vogelforschung. Wir geben hier einen
kurzen Überblick über die Beringung von Wildgänsen und
informieren über ein 1998 von der Universität Osnabrück
und der NABU-Naturschutzstation neu begonnenes Beringungsprojekt an der
Bläßgans.
Frisch geringte Saatgans
Für die Beringung von Blässgänsen wurde von der
Universität Osnabrück ein detailliertes Konzept entwickelt. --> Konzept
Es gab und gibt verschiedene
Forschungsprojekte bei denen Wildgänse beringt werden. Auf der
folgenden Seite sind einige Beispiele aufgeführt. --> Projekte
Auf www.blessgans.de,
der Internetseite der Arbeitsgruppe "Blässgans" an der
Universität Osnabrück, gibt es Abbildungen zur geografischen
Verteilung der Rückmeldung beringter Wildgänse. Aus
Gründen der Aktualität sei hier nur ein Hyperlink plaziert.
Die Abbildungen finden Sie dort unter der Rubrik "Results". --> www.blessgans.de
Meldung einer beringten Gans
Sie haben selbst beringte Gänse gesichtet? Dan leisten Sie
einen kleinen Beitrag zum Gänseschutz, indem Sie uns ihre
Beobachtungen nennen. Wir leiten die Meldung dann an die entsprechenden
Stellen weiter. Nutzen Sie dazu unsere Möglichkeit der Online-Meldung
--> Beispiel einer Ableseserie einer beringten Saatgans