Gemeinsame Strategie für den Rhein erforderlich

NABU: Verschärfte Niedrigwasserlage zeigt deutlich, ökologische Wiederherstellung und Anpassung der Schifffahrt dringender denn je

Düsseldorf – Der Rhein steht zunehmend unter Druck. Die anhaltende Dürre in Mitteleuropa und das aktuell außergewöhnlich niedrige Wasser im Rhein zeigen deutlich, wie stark der Klimawandel den Fluss bereits heute verändert. Fachleute weisen darauf hin, dass das Potenzial des Rheins als verlässliche Transportachse in den kommenden Jahrzehnten weiter abnehmen wird. Niedrigwasserphasen werden häufiger und länger auftreten, Extremniedrigwasser deutlich extremer ausfallen.

Ein zentraler Grund: Noch stützen Gletscherabflüsse aus den Alpen die Sommerabflüsse des Rheins – selbst am Niederrhein machen sie gemäß einer Studie im Auftrag der Internationalen Kommission für die Hydrologie des Rheingebietes derzeit bis zu 20 Prozent des Abflusses aus. „Diese natürliche Stabilisierung wird in wenigen Jahrzehnten weitgehend wegfallen. Damit verliert der Rhein eine seiner wichtigsten Pufferfunktionen gegen extreme Niedrigwasser“, mahnt Klaus Markgraf-Maué, Rheinexperte beim NABU NRW an.

Gleichzeitig zeige sich, dass die bisherige Strategie, den Fluss mit wasserbaulichen Maßnahmen für immer größere Schiffe auszubauen, an ihre Grenzen gestoßen ist. „Der Rhein ist heute ökologisch stark verarmt, strukturarm und steht „mit dem Rücken zur Wand“. Er braucht dringend mehr Raum für natürliche Flussprozesse und Lebensräume. Wer jetzt Millionen in weitere Vertiefungen steckt, riskiert ein Fass ohne Boden: Die Bauprojekte dauern viele Jahre, während Extremwetter und sinkende Wasserstände den technischen Lösungen längst davonlaufen“, so Markgraf-Maué weiter.

Anpassung der Schifffahrt statt weiterer Eingriffe in den Fluss
Die aktuelle Flottenstruktur verstärkt die Probleme: Überdimensionierte Schiffe mit großem Tiefgang können die Versorgungssicherheit der Industrie bei Niedrigwasser immer weniger gewährleisten. Nachhaltige Logistikkonzepte müssen daher die abnehmende Wasserverfügbarkeit einbeziehen. Das bedeutet: Die Schiffe müssen sich den Flüssen anpassen – nicht umgekehrt.

Wichtige Beiträge zur weiteren Verbesserung der Situation am Rhein sind aus Sicht des NABU folgende Maßnahmen:
•     Forcierte Förderung flachgehender Binnenschiffe und Integration dieser Flottenanpassung in die anstehende Transformation der Logistik.
•     Ausbau digitaler Vernetzung und Echtzeit-Sensorik, um Fahrrinnen flexibel und sicher nutzen zu können.
•     Flexible statt standardisierte Fahrrinnenbreiten: Tiefenengpässe bei Niedrigwasser sind oft vielmehr Breitenengpässe; die flexible Nutzung vorhandener, schmalerer Tiefenlinien kann die nautisch nutzbare Wassertiefe erhöhen.
•     Abschnittsweise „einspuriger“ Richtungsverkehr, ermöglicht die effiziente Nutzung vorhandener schmaler Tiefenkorridore.
•     Gezielte lokale Maßnahmen, um durchgängige Tiefenkorridore zu sichern und die grundsätzliche Schiffbarkeit zu erhalten.

Ökologische Wiederherstellung bleibt zentrale Aufgabe
Darüber hinaus bleibt die ökologische Sanierung des Rheins ein dringendes Handlungsfeld. Trotz internationaler Erfolge bei der Wasserqualität in den vergangenen Jahrzehnten ist der Strom weiterhin ökologisch stark beeinträchtigt. Rückzugsräume und strukturreiche Lebensräume fehlen – gerade in Zeiten extremer Niedrigwasser sind sie jedoch essenziell für die Funktionsfähigkeit des Naturhaushalts. „Eine zentrale Rolle wird zukünftig spielen, wie es gelingt den Landschaftswasserhaushalts zu stärken, um so wieder mehr Wasser in der Fläche zu halten und Niedrigwasserphasen abzumildern. Die konsequente und zügige Umsetzung der EU-Wiederherstellungs-Verordnung im Einzugsbereich des Rheins bietet hier große Chancen zumindest einen Teil des perspektivisch wegfallenden Gletscherwasserzuflusses auszugleichen“, erklärt Dr. Heide Naderer, Vorsitzende des NABU NRW.

Gemeinsame Strategie notwendig – „Zukunft Rhein“
Im Rahmen des Prozesses „Klima-Diskurs NRW – Zukunft Rhein“ wurde ein Kommuniqué verabschiedet, das die Dringlichkeit einer abgestimmten Gesamtstrategie betont. Ein zentraler Satz daraus lautet: „Die zentrale Bedeutung des Rheins verlangt nach einer vorausschauenden, integrierten und abgestimmten Strategie, um Klimaschutzziele zu erreichen und gleichzeitig Klimaresilienz aufzubauen. Den durch den Klimawandel sich verstärkenden Nutzungskonflikten muss gemeinschaftlich, sachlich fundiert und transparent begegnet werden.“

Naderer: „Die aktuellen Entwicklungen machen deutlich: Der Rhein steht an einem Wendepunkt. Nur durch eine Kombination aus ökologischer Wiederherstellung, intelligenter Flottenanpassung und flexibler Nutzung der Wasserstraße kann seine Rolle als zentrale Lebens- und Wirtschaftsader langfristig gesichert werden.“

Mehr dazu: „Klima-Diskurs NRW – Zukunft Rhein“

Für Rückfragen:
Klaus Markgraf-Maué, Rheinexperte NABU NRW, Tel.: 02821 713 988 40, klaus.markgraf@nabu-naturschutzstation.de
Dr. Heide Naderer, Vorsitzende NABU NRW, Tel.: 0211-15 92 51-41, heide.naderer@nabu-nrw.de 
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