Worum geht es?
Im Verbundprojekt „Kiebitzschutz in Norddeutschland“, kurz KiNo, werden Maßnahmen zur Stabilisierung und Erhöhung der Kiebitzbestände umgesetzt und im Rahmen einer wissenschaftlichen Begleitung ausgewertet und optimiert. Verbundprojekt bedeutet, dass mehrere unabhängige Projektpartner zusammen an einem Projekt arbeiten. Am KiNo-Projekt sind Projektpartner aus den Bundesländen Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein beteiligt (s.u.).
Das Projekt wird in Nordwestdeutschland umgesetzt, da es in diesem Teil Deutschlands noch verhältnismäßig viele Kiebitze gibt und es somit ein Schwerpunktgebiet für diese Art darstellt. Die beiden Hauptziele sind die Kiebitzbestände zu stabilisieren und den Fortpflanzungserfolg, durch gezielte Verbesserungen der Lebensraumqualität, zu erhöhen. Im Vordergrund steht dabei die Optimierung des Bodenwasserhaushalts.
Wir setzten die Projektmaßnahmen im Naturschutzgebiet (NSG) Düffel um, einem Schwerpunktlebensraum des Kiebitz in NRW. Die ehemalige Auenlandschaft ist heute eine eingedeichte, weitläufige Kulturlandschaft mit überwiegend Grünland aber auch Ackernutzung (Verhältnis ca. 2:1). Zahlreiche Hecken, Feldgehölze, neben offeneren Feuchtwiesen und zahlreichen Gräben prägen das Landschaftsbild.
Als Untersuchungsflächen wurden sechs jeweils 70 h große Grünlandflächen in den wichtigsten Bereichen für Wiesenvögel im Naturschutzgebiet, den sogenannten Kernzonen, ausgewählt.
KiNo ist am 01.03.2026 gestartet und läuft bis 28.02.2032.
Warum ist das wichtig?
In den letzten 40 Jahren ist der Kiebitzbestand in Deutschland um über 90 % zurückgegangen. Noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts war der Kiebitz ein in Mitteleuropa häufiger und weit verbreiteter Brutvogel – heute steht er als „stark gefährdet“ auf der Roten Liste. Mit anderen Arten des landwirtschaftlich genutzten Offenlandes, insbesondere des Feuchtgrünlandes, gehört der Kiebitz zu den Sorgenkindern des Vogelschutzes.
Dies liegt vor allem am zunehmenden Verlust geeigneter Lebensräume. Gerade jene nassen Wiesen, die Wiesenvögel, wie der Kiebitz, dringend brauchen, gehören zu den empfindlichsten Lebensräumen. Immer mehr Feuchtwiesen fallen der Intensivierung der Landbewirtschaftung, der Ausbreitung der Siedlungen und Gewerbeflächen sowie der Zerschneidung der Landschaft durch Straßen zum Opfer.
Schon in den ersten Lebenswochen muss der Wiesenvogel-Nachwuchs zahlreiche Gefahren überstehen. Rund acht verletzliche Wochen liegen zwischen Ei und flugfähigem Jungvogel – eine Phase, die für Bodenbrüter, wie den Kiebitz, heute kritischer ist denn je. Neben der Gefahr von Fressfeinden erbeutet zu werden besteht auch die Gefahr, dass Gelege oder Küken bei der landwirtschaftlichen Bearbeitung unbeabsichtigt verloren gehen können.
Hinzu kommt der Einsatz von Pestiziden, der dazu beiträgt, dass es immer weniger Insekten gibt, was vielen Vogelarten die Nahrungsgrundlage entzieht. Besonders die Küken leiden darunter: Für ihr schnelles Wachstum benötigen sie große Mengen an Insekten. Müssen sie länger danach suchen, steigt ihr Risiko, selbst zur Beute von Fressfeinden zu werden.
Zu den menschengemachten Veränderungen gehört auch die Klimakrise, deren Auswirkungen sich in den letzten Jahren verstärkt zeigten. Unregelmäßige Niederschläge, häufigere Dürren und Starkregenereignisse führen zu stark schwankenden Wasserständen. In Trockenperioden werden die Böden hart und rissig – Küken finden dort keine Nahrung mehr. Starkregen dagegen setzt Flächen unter Wasser und überschwemmt Nester.
Auch die Düffel ist hiervon betroffen: Schlammige Wasserstellen, die früher typische Nahrungsoasen waren, gehen zunehmend verloren.
Was ist konkret geplant bzw. wurde schon umgesetzt?
Besonders wichtig ist die Optimierung des Bodenwasserhaushaltes. Hier knüpfen wir an die bereits umgesetzten Maßnahmen aus dem LIFE-Projekt „Grünland für Wiesenvögel“ an. Im Projekt KiNo ist die Anlage einer weiteren Senke sowie das Abflachen und offen halten von Grabenrändern mit insgesamt 1.175 m Länge geplant. So werden die schlammigen Bereiche geschaffen, auf die Kiebitze und ihre Küken zur Nahrungssuche angewiesen sind. Steile Grabenränder hingegen können von den Küken nicht genutzt werden und stellen teils unüberwindbare Hindernisse für sie dar.
Hinzu kommen weitere Maßnahmen zur Habitatverbesserung. So werden nicht mehr benötigte Stacheldrahtzäune aus dem Gebiet entfernt, damit sie kein Verletzungsrisiko für Kiebitze und andere Tiere mehr darstellen. An anderer Stelle werden Zäune ohne Stacheldraht erreichtet, um mehr extensive Beweidung ins Gebiet zu bringen. Davon profitieren die Kiebitze, denn in der kurzgehaltenen Weide können die Küken sich gut fortbewegen. Zusätzlich profitieren die Vögel von der weiten Sicht auf sich nähernde Feinde und dem reichhaltigen Nahrungsangebot durch Insekten, die von den Weidetieren angezogen werden. Die Entwicklung von arten- und blütenreichem Extensivgrünland wird stellenweise durch Aussaat von Regiosaatgut unterstützt.
Die Offenheit der Kernzonen soll weiter gefördert werden, indem dort Hecken kurzgehalten werden. Dies fördert nicht nur die weite Sicht, sondern führt auch dazu, dass Fressfeinde wie Greifvögel oder der Fuchs schlechter jagen können. Zum Ausgleich pflanzen wir außerhalb der Kernzonen neue Hecken, um auch den Heckenbewohnern mehr Lebensraum zu bieten.
Als effektivste Maßnahme zum Schutz der Gelege und Küken vor Fressfeinden, vor allem vor dem Fuchs, hat sich der Einsatz von mobilen Elektrozäunen auf den Brutflächen bewährt. Diese Maßnahme soll im Rahmen von KiNo fortgeführt und ausgeweitet werden.
Wichtig ist auch die Wirksamkeit der umgesetzten Maßnahmen laufend zu prüfen und bei Bedarf zu optimieren. Daher erfolgt eine wissenschaftliche Begleitung im KiNo-Projekt. Im Zuge dessen wird ein Bestandsmonitoring durchgeführt. Dabei erfassen die Biolog*innen auf welchen Flächen sich wie viele Kiebitzreviere befinden, wo Nester liegen und wie der Bruterfolg der Kiebitzpaare ausfällt, also wie viele Jungvögel flügge werden. Für das KiNo-Projekt werden dazu repräsentative Probeflächen von mindestens 70 ha Größe in den Projektgebieten festgelegt. Zusätzlich sollen winzige, extrem leichte GPS-Tracker an den Kiebitzen eingesetzt werden, um wissenschaftlich zu untersuchen, wie sich die Maßnahmenumsetzung auf die Raumnutzung der Küken auswirkt. Die Tracker werden dabei tiergerecht und möglichst schonend angebracht, ohne die natürliche Bewegungsfreiheit der Tiere einzuschränken. So kann man beispielsweise erkennen, ob Flächen, die bewässerteSenken enthalten, Kiebitzfamilien anziehen oder zu welcher Tageszeit sich Küken z.B. bevorzugt auf extensiv genutzten Wiesen aufhalten. Dabei kommt auch eine Drohne mit Wärmebildkamera zum Einsatz.
Basierend auf den gewonnenen Erkenntnissen, sollen die Schutzmaßnahmen weiter optimiert werden.
Wer finanziert und unterstützt das Projekt?
Das Projekt wird gefördert durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit Fördermitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) im Rahmen des Nationalen Artenhilfsprogramms (nAHP). Dieses Förderprogramm dient dem Schutz von Arten, die vom Ausbau der erneuerbaren Energien betroffen sind.
Im Bundesnaturschutzgesetz (§45d) ist die Verpflichtungen des Bundes zur Aufstellung nationaler Artenhilfsprogramme, als Instrumente des Artenschutzes, die dem dauerhaften Schutz von Arten einschließlich ihrer Lebensstätten dienen, geregelt.
Das BfN hat den DLR Projekträger mit der Abwicklung des nAHP beauftragt.
Die Projektpartner sind
in Bremen: Stadtgemeinde Bremen
in Hamburg: BUND Landesverband Hamburg e.V., Einheitsgemeinde Hamburg, Naturschutzbund Deutschland (NABU) Landesverband Hamburg e.V.
in Niedersachsen: Institute for Wetlands and Waterbird Research e.V. (IWWR), Universität Osnabrück
in Nordrhein-Westfalen: Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz im Kreis Soest, Biologische Station Kreis Steinfurt, NABU-Naturschutzstation Niederrhein e.V.
in Schleswig-Holstein: Michael-Otto-Institut im NABU (MOIN), Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein
Gefördert durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit.
Und wie geht es danach weiter?
Natürlich endet der Kiebitzschutz nicht mit dem Projektende. Die im Projekt umgesetzten Maßnahmen werden auch über das Projekt hinaus weiter betreut, erhalten und ggf. weiterentwickelt. Die gewonnen wissenschaftlichen Erkenntnisse werden in Fachzeitschriften, auf Fachtagungen und einem Workshop mit der Fachöffentlichkeit geteilt und tragen so zu zukünftigen Kiebitzschutzprojekten bei. Die gesammelten Daten der besenderten Kiebitze werden dauerhaft auf Movebank, einer frei zugänglichen Datenbank für Tierbewegungen, archiviert und stehen dort langfristig für wissenschaftliche Analysen bereit.
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